26.03.2010

Das Abteil

Ein Flug Göteborg – München dauert knapp zwei Stunden; ungefähr fünf Stunden, wenn man zwischendrin umsteigen muss, in Berlin, Frankfurt oder Düsseldorf.

Eine Autofahrt Göteborg – München dauert etwa 16 Stunden; vorausgesetzt ein eisernes Durchhaltevermögen am Steuer beziehungsweise zwei Fahrer, die einander abwechseln können.

Eine Zugfahrt Göteborg – München dauert ungefähr so lange wie eine Autofahrt; sie ist natürlich – grau ist alle Theorie – viel bequemer und hat den  Vorteil, dass man sich im Bordrestaurant seines Zuges ein völlig überteuertes Beck’s kaufen kann, das man dann im Abteil zu sich nimmt.

Ein Zugabteil auf der Strecke Göteborg – München ist eine feine Sache. Zumindest so lange, bis man sich in diesem Abteil nicht mehr alleine befindet und sich Platz, Sitze und Luft – jeweils in sich rasch erschöpfender Menge vorhanden – fortan teilen muss mit seinen Mitreisenden.

Angenommen: man hat Glück mit den Leuten, die auf einer solchen Zugreise zusteigen. Angenehme und leise Herrschaften, die einem höchstens auffallen, wenn sie kaum merklich mit der Zeitung rascheln.
Allerdings: diese Annahme erscheint vielmehr als unrealistischer Wunschtraum.

Es steigen ein: türkische Mutter mit lebhaftem Kind. Während das Kind im nunmehr enger werdenden  Abteil Liegestützen absolviert und auf der Stelle läuft und hüpft, packt die Mutter einen Döner aus, den sie anschließend in längerer Zeremonie verzehrt.

Der Duft des Döners wird sich im Laufe der Reise mit diversen anderen Gerüchen zu einem unbeschreiblichen Konglomerat vermischen.

Dass das Kind nach zwei Stunden über drei Sitze des Abteils ausgestreckt eingeschlafen ist, ist eigentlich nur aufgrund der Tatsache eine Erwähnung wert, dass es nach einer weiteren Stunde wieder aufwacht und deutlich lebhafter als zuvor seine Turnübungen fortsetzt.

Hamburg. Ein älterer, weiblicher Fahrgast bereichert gegen 00.30 Uhr die Atmosphäre des Abteils. Beschrieben ist sie am besten durch ihre Begleitung, vermutlich den Ehemann, der sie zum Gleis gebracht hat. Wenn er, anglerbemützt, durch stieren Blick von außen durchs Abteilfenster zu verwundern weiß, bevor sie überhaupt das Abteil erreicht hat, ist über sie bereits alles gesagt.

„Setz dich ans Fenster. Ja. Hier, auf diese Seite … in Fahrtrichtung musst du dich setzen. Ich hab den Schaffner gefragt, in welche Richtung…“
Man zählt die Stunden, ab Hamburg. Die Hälfte dürfte man nun geschafft haben, denkt man, als sie, die sie in Hamburg ins Abteil hinzugekommen ist, ihren iPod touch auspackt. Kaum zu glauben – der Besitz, geschweige denn die Bedienung dieser technischen Innovation wäre ihr gar nicht zuzutrauen gewesen.

Wobei: erst neulich war in Schwedens Zeitungen zu lesen, dass Apple bereits 500.000 Schweden mit seinem iPhone beglückt habe. Da ist es doch verwunderlich, dass es überhaupt so viele Menschen gibt, die dazu imstande sind, mit ihren Fingern auf ein Display zu tappen. Quod erat demonstrandum.

Die Geräusche aus den Kopfhörern der Mitreisenden sind im Abteil dagegen schnell wieder verstummt: die Dame wartet nun auf dem Gang vor dem Abteil auf den Schaffner um auch ja nicht den Zeitpunkt zu verpassen, zu dem der Schaffner vorbeihastet und sie ihre Fahrkarte vorzeigen kann. Vorurteil in dieser Hinsicht bestätigt und abgehakt.

Im Abteil auf der Zugfahrt Göteborg – München sitze ich und tippe, vernehmlich für meine Mitreisenden, diesen Text. Fünf Stunden bis Nürnberg.

Jetzt sitze ich gerade in Bonn. Und warte hier auf mein Auswahlgespräch beim DAAD morgen. Mittlerweile erscheinen mir fast die Beiträge interessanter zu sein, wenn ich mich mal wieder in Deutschland aufhalte. Göteborg ist für mich zwar vielleicht noch nicht Heimat geworden (das wird es auch mit Sicherheit nie werden), aber es ist mir alltäglich vertraut. Vielleicht ist es deshalb uninteressanter geworden, darüber zu schreiben: nicht weil es langweilig werden würde, sondern weil sich die Dinge eingespielt haben. Wenn man kulturtheoretisch so will: die Grenzen von Eigenem und Fremden haben sich allmählich verschoben. Das ist mir umso mehr bei dem sehr schönen Besuch meiner Eltern letzte Woche in Göteborg aufgefallen.

Jetzt kommt dann hoffentlich bald meine Pizza und ich beende diesen Beitrag, den ich dank moderner Technik beim Italiener in Bonn schreibe. Buon appetito!

29.01.2010

Zwischenstufen

Jetzt bin ich schon wieder seit über einer Woche zurück in Göteborg. Diese Rückkehr war ein bisschen seltsam, weil einem die Stadt einerseits bekannt vorkommt und zugleich fremd; vor allem weil man weiß, gerade aus der Heimat abgereist zu sein.
Ich habe mich trotzdem recht schnell wieder eingewöhnt. Nicht zuletzt deshalb, weil es im Vergleich Deutschlands zu Schweden keine klaren Unterschiede gibt. Vielmehr gibt es alltäglich Zwischenstufen (von denen übrigens Tocotronic auf ihrem neuen Album singen – wie passend eigentlich!).
Als ich letzte Woche meinen Beitrag für das Studentenwerk bezahlt hatte, war ich zum Beispiel im festen Willen unterwegs, dies in schwedischer Sprache zu erledigen. Das klappte auch wunderbar bis zu dem Zeitpunkt, als sich herausstellte, dass meine “Sachbearbeiterin” auch recht gut deutsch sprach. Jeder kann also ein bisschen etwas: ich ein bisschen schwedisch, sie ein wenig deutsch. Keine klaren Grenzen also, Zwischenstufen auch in Schweden.

Zuletzt habe ich die Sache mit meinem Blog arg schleifen lassen. Das lag einerseits an meiner Herbstmüdigkeit, andererseits zuletzt natürlich daran, dass ich einen wunderschönen Monat in der Heimat verbracht habe.
Aber jetzt bin ich wieder zurück, mit 5x Ofenkäse im Gepäck. Es kann also wieder losgehen.

23.10.2009

Höst i Göteborg

Wenn es sich auch nicht bewahrheitet hat, was wir schon zu Beginn unseres Aufenthaltes in Göteborg hören mussten – “wenn es hier nicht mindestens einmal täglich regnet, dann stimmt etwas nicht in Göteborg” – so ist der Sommer hier nun trotzdem spürbar vorbei. Es wird kälter, früher dunkler und die Bäume sind erst bunt und dann ganz kahl. Heute wurde im grau-trüben Vormittagslicht der Spielplatz im Innenhof unseres Hauses von zwei orangefarben gekleideten Arbeitern winterfest gemacht.
Ein weiteres Signal also, das den Winter in Göteborg einläutet!
Graue Tage haben aber auch defintiv ihr Gutes! Man kann sich’s drinnen gemütlich machen, stundenlang in den schönen Cafés sitzen… Dinge, die sich mit einem literaturwissenschaftlichen Studium gar nicht mal schlecht vereinbaren lassen, wie ich feststelle. Heute habe ich sogar Teelichter gekauft und bringe damit heimelige Herbststimmung in meine gemütlichen 7qm (sic!).
Für Lektüre sorgt die Uni – für den Kaffee die wunderbare Kaffeemaschine von IKEA für 99kr. Dazu gibt’s dann eine leckere Kanelbulle!

So, passenderweise eine kleine Hitliste der letzten Bücher:
1. Hans-Magnus Enzensberger: Ach Europa
2. Alfred Andersch: Wanderungen im Norden
3. Thomas Brussig: Helden wie wir
4. Gerhard Köpf: Nurmi
5. Günther Grass: Die Rättin

Nach sechs langen Wochen ist Eva endlich da!
Bilder von unseren Spaziergängen durch Göteborg gibt’s dann mal hier:

2.10.2009

Mode

Sagt mal, mir ist ja bewusst, dass die Schweden in Sachen Mode / Style so ein bisschen durchdrehen; aber ist es vielleicht grade auch in Deutschland angesagt, mit Baumwolltaschen rumzulaufen? Dieses bedruckte Textildingens ersetzt hier so manche Handtasche. Und ja, auch Jungs dürfen das tragen. Oh my god! (vielleicht kann ich das zwecks Anschaulichkeit mal fotographieren.)

Ach ja, ich glaub, ich muss hier dank Spotify (http://www.spotify.com) ne neue Kategorie einführen: Song des Tages, heute: La Roux – Bulletproof

Wählen, das ist ja nicht nur, wie man so schön sagt, demokratische Bürgerpflicht, sondern auch ziemlich einfach. Keine große Sache: am Sonntagnachmittag ein kleiner Spaziergang ins Wahllokal, Kreuzchen machen und sich abends dann über Westerwelle ärgern.
Keine große Sache also, würde man meinen.

Anders liegt der Fall, wenn man sich im Ausland befindet. Denn dann wird die Bürgerpflicht schnell kompliziert. Es ist ja nicht so, dass ich nicht frühzeitig an meine Absicht zur Briefwahl gedacht hätte. Aber um diese beantragen zu können, muss ja erst einmal die Wahlberechtigungskarte bei mir zuhause eingetroffen sein. (und damit meine ich: Attenhausen im schönen Niederbayern.) Diese Karte fand dann ihren Weg mit freundlicher Mithilfe von deutscher und schwedischer Post zu mir nach Göteborg, wurde dort um eine Unterschrift meiner Wenigkeit ergänzt und – wie man so schön sagt – postwendend wieder nach Deutschland zurückgeschickt. Damit durfte dann mein Papa den Wahlschein (man sieht, wir kommen der Sache näher!) beantragen, aber nicht mitnehmen. Der Schein wurde dann – wieder mit der Post und das dauert schon mal – wieder zu mir nach Schweden geschickt.
Die zwei Kreuzchen waren schnell gemacht, am Dienstag statt am Sonntag und ohne Spaziergang, der Brief mit der Erfüllung meiner bürgerlichen Pflicht fand seinen Weg nach Deutschland.
Ob er es noch rechtzeitig geschafft hat – das steht in den Sternen; leider kriegt man da ja kein Feedback. ;)

28.09.2009

Erster Besuch!

Mein erster Besuch aus Deutschland hat mich sehr gefreut: vielen, vielen Dank an Basti, Markus, Ant und Beni – und das nicht nur wegen des bayrischen Biers! ;)

Zum Anschauen gibt’s noch ein paar Bilder von unserem Ausflug zu den Schären. ;)
(viel mehr gespannt bin ich aber auf eure Bilder. Gell, Basti. Hehe.)

19.09.2009

After work

Sowas hab ich in Deutschland auch noch nie gesehen, hier in Göteborg ist es aber gang und gäbe: After work immer freitags.

Fast alle Lokale bieten das an: da gibt es zumindest ein Getränk günstiger als sonst, sozusagen zum Happy-Hour-Preis, was aber noch viel besser ist: es gibt kostenloses Büffet!

Für 25 bis 35 Kronen (je nach Restaurant; ca. 2,50EUR bis 3,50EUR) kriegt man also ein Getränk und Essen, soviel man will.

Mitten im recht teuren Göteborg ist das zumindest einmal pro Woche eine günstige Alternative grade für uns arme Studenten. ;)

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